Die frühen Jahre der DDR-Folkszene

Vorweg

 

 

 

Nicht nur die Mitropa, auch die Folkszene hat den Untergang der DDR überlebt. Gibt es bessere Beweise dafür als den Folkherbst in Plauen, Tanzhausfest und Straßenmusikfestival in Leipzig oder das Rudolstädter Tanz&Folk-Fest?

Doch woher kommt diese nicht totzukriegende Folkszene (resp. Folklorebewegung, Musikfolklore oder Jugendfolklore) im verschwundenen zweiten deutschen Staat?

Wie und wann ist sie entstanden?

Anfänge, Höhepunkte, Veränderungen möchte diese Ausstellung sichtbar machen. Ebenso wie Freude und Frust, das beinahe familiäre Miteinander während der Werkstätten oder das ambivalente Verhältnis zur offiziellen Kulturpolitik.Das Gesellen-Trinklied „Unser Handwerk ist verdorben“,welches dieser Ausstellung ihren Namen gab, war ein Hit der frühen Jahre. Und die begannen Mitte der 70er, auch wenn es diese oder jene Gruppe schon eher gab. Im Ergebnis der ersten DDR-offenen Folk-Weerkstatt im Oktober 1976 in Leipzig konstituierten sich die Teilnehmer kurzerhand als eigenständige Szene – jenseits von FDJ-Singebewegung und etablierter Ensemble-Folklore. Damit war ein Konflikt mit dem Obrigkeitsstaat DDR angelegt, der 1985 schließlich offen ausbrach, als die zentralen Folk-Werkstätten verlegt wurden – weg von der Großstadt Leipzig mit ihren „feindlich-negativen Einflüssen“ ins scheinbar sichere Hinterland. Mit diesem Einschnitt endet auch der Zeitraum, den die Ausstellung beleuchten möchte.

Mein Blick zurück war dabei nicht der des Kultursoziologen oder Musikethnologen, sondern eher der des teilnehmenden Beobachters.

Wissenschaftliche Objektivität ist also nicht zu erwarten. Sollte gelegentlich der Eindruck entstehen, manche Erinnerungen seien ein wenig verklärt, dann liegt dies an der Faszination der Erlebnisse, der auch ich mich nur schwer entziehen kann....“ 

Leipzig am 21. Dezember 1996

Wolfgang Leyn

(Unvollständige) Zeittafel:

 

1976

Januar: Leipzig. Folkländer gründet sich. Vorher bereits Jack & Genossen (Berlin), Brummtopf (Erfurt), Enniskillen (Greifswald) u.a.

Juli: Erfurt „Krämerbrückenfest“ wird wichtiger Treffpunkt von DDR-Folkgruppen.

Oktober: Leipzig. Folkländer lädt ein zur ersten DDR-offenen Folkwerkstatt im Studentenklub der Hochschule für Grafik und Buchkunst. 10 Gruppen und 4 Solisten

nehmen teil. Konstituierung einer eigenständigen Folkszene. In Konzerten und Sessions erklingt noch zu 4/5 internationales Liedgut.

Diskussion über Platz der Folklore in der DDR. Nächste Werkstatt für 1977 in Berlin vereinbart.

November: Biermann-Ausbürgerung. Über 100 Künstler unterschreiben eine Protest-erklärung; viele verlassen später die DDR. Verhaftung von Pannach, Kunert, Fuchs u.a.

1977

Januar: Folkloristen gründen das Folklore-Initiativkomitee FINK. Ziel: Bessere Koope-ration untereinander und Interessenvertretung gegenüber den Kulturbehörden, die die Szene bis dato nicht zur Kenntnis nehmen.

Februar: Beschluß des ZK der SED zur Förderung des künstlerischen Volksschaffens: "Ideologischer Gehalt" ist zu vertiefen und die künstlerische Qualität zu erhöhen.

Rundfunk, Fernsehen, Schallplatte werden beauflagt, Volkskunst stärker zu präsentieren. Bis 1978 sollen fünf regionale Folklorezentren entstehen: Erzgebirge/Vogtland, Thüringen, Mecklenburg, Harz, sorbische Lausitz. Beschluß, im Palast der Republik jährlich im Wechsel „Volkskunsttage der Bezirke“ durchzuführen.

Mai: Berlin. FINK und die Gruppe Folk 77 richten die 2. Folklorewerkstatt aus. Konzerte, Straßenmusik. Mittlerweile ¾  deutschsprachiges Repertoire.

Juni: Berlin. FINK wird durch das DDR-Kulturministerium zur Selbstauflösung genötigt, soll aber durch eine „Arbeitsgemeinschaft Musikfolklore“ beim „Zentralhaus für Kultur-arbeit“ ersetzt werden (was jedoch erst 1982 geschieht).

Juli: Merseburg. Folkländer nimmt als erste Folkband an einer Werkstatt der FDJ-Singebewegung teil.

1978

Januar: Leipzig. Folkländer feiert 2. Geburtstag mit befreundeten Folkbands. Gemeinsames Freiluft-Spektakel „Fölkerschlacht“ an historischer Stelle erweckt das Misstrauen der Sicherheitsorgane.

Mai: Erfurt. (DDR-offene) Folkwerkstatt im Stadtbezirk Mitte. Öffentliche Auftritte, Wanderung, Abschlusskonzert auf der Wartburg (findet auch 1979 und 1980 statt).

Juni: Berlin. 1. Folkfest im „Haus der jungen Talente“ (HdjT). Teilnehmer: 11 Gruppen und Solisten, u.a. Perry Friedman und Oktoberklub.

Juli: Schmalkalden. 1. DDR-Folklorefestival. Junge Folkband sind bestaunte „Exoten“ unter den traditionellen Gruppen und Ensembles.

August: Skye aus Berlin vertritt die DDR beim internationalen Dudelsackfestival in Strakonice (CSSR).

September: Einführung des Fachs „Wehrerziehung“ für 9. und 10. Schulklassen. Oppositionelle  Soldatenlieder werden immer beliebter.

Oktober: Leipzig. 11. Werkstattwoche der FDJ-Singeklubs mit einem spezielln Folklore-Tag. Mit dabei: Liedehrlich, Wacholder und Folkländer. Forum über Folklorebegriff, Funktion heute, Herangehensweise an traditionelles Material.

1979

Februar: Berlin. Folkländer sind offizieller Teilnehmer beim internationalen Festival des politischen Liedes (nochmals 1982, in anderen Jahren Jack & Genossen, Liedehrlich, JAMS, Wacholder, Piatkowski/Rieck). Neben dem Liedersommer (ab 1983) eine der wenigen Möglichkeiten, internationale Folkstars zu erleben.

Mai: Berliln. 2. Folklorefest im HdjT. Newcomer: Saitensprung aus Erfurt (Ableger von Brummtopf), Windbeutel (Berlin), Piatkowski & Rieck (Rostock).„Special guests“ sind zwei original ungarndeutsche Sängerinnen.

Juni: Erfurt. Beim Krämerbrückenfest wird Liedehrlichs Obrigkeitsspottlied vom „Schützenliputzhäusl“ verboten.

Juni: Berlin. Nationales Jugendfestival der FDJ. „Kampfdemo“ mit 70 000 Teilnehmern.

Im „Liederpark“ 3tägiges Open-Air mit  Folkbands, Singegruppen, Liedtheater, Kinderprogrammen. Internationale Stars u.a. Sands Family, Zupfgeigenhansel, Shanna Bitschewskaja.

Erster öffentlicher Mitmach-Volkstanz (im März vorbereitet durch  eine Wochenend-werkstatt  mit Bands aus Erfurt, Leipzig, Berlin).

Juni: Berlin. Nationales Jugendfestival der FDJ. „Kampfdemo“ mit 70 000 Teilnehmern.

Im „Liederpark“ 3tägiges Open-Air mit  Folkbands, Singegruppen, Liedtheater, Kinderprogrammen. Internationale Stars u.a. Sands Family, Zupfgeigenhansel, Shanna Bitschewskaja.

Erster öffentlicher Mitmach-Volkstanz (im März vorbereitet durch  eine Wochenend-werkstatt  mit Bands aus Erfurt, Leipzig, Berlin).

Juni: Berlin. Nationales Jugendfestival der FDJ. „Kampfdemo“ mit 70 000 Teilnehmern.

Im „Liederpark“ 3tägiges Open-Air mit  Folkbands, Singegruppen, Liedtheater, Kinderprogrammen. Internationale Stars u.a. Sands Family, Zupfgeigenhansel, Shanna Bitschewskaja.

Erster öffentlicher Mitmach-Volkstanz (im März vorbereitet durch  eine Wochenend-werkstatt  mit Bands aus Erfurt, Leipzig, Berlin).

November: Frankfurt/Oder. Hauptpreis der DDR-Chansontage für Piatkowski & Rieck (noch mal 1983).

1980

Januar: Leipzig. „1. Zentrale Werkstatt der Musikfolkloregruppen“ (Veranstalter: Folkländer und ihr „gesellschaftlicher Träger“ Stadtkabinett für Kulturarbeit Leipzig).

Workshop mit Vorstellung verschiedener Varianten der Volksballade „Graf und Nonne“ durch mehrere Bands; Disput über Erberezeption. Volkstanz zum Mitmachen; dabei Premiere der Vortanzgruppe von Folkländer (später Kreuz & Square) mit Tanzmeisterin Sigrid Lembke.

März: Neuhaus am Rennweg. Streitbare Begegnung zwischen Folkbands und traditionellen Folklore-Gruppen der Region anlässlich eines Werkstattwochenendes.

Juli: Bezirk Rostock. „Arbeiterfestspiele“ mit 1. Mecklenburgischem Folklorefestival. Goldmedaille für Folkländer und Kreuz & Square.

1981

Januar: Leipzig. „2. Zentrale Musikfolklorewerkstatt“. 21 teilnehmende Gruppen. Newcomer: Landluper, Sanddorn, Schlendrian, Tonkrug und Rumpelstolz.

Clou der Werkstatt: Die „Hektik-Drive-Bigband“ mit 27 Musikern aus 10 Gruppen spielt unter Leitung von Erik Kross zum Volkstanz.

Erstmals erscheint das „Leipziger Folksblatt“ als tägliche Werkstatt-Zeitung; Nr. 1 enthält eine umfangreiche Bibliografie zum deutschen Volkslied.

Juli: Friedrichswalde bei Templin. Verbot eines von Berliner Folkbands unter Umgehung der Kulturbehörden organisierten Open Air-Festivals wegen angeblich nicht eingehaltener Hygiene-Auflagen.

November: Frankfurt/Oder. Hauptpreis der DDR-Chansontage an Stephan Krawczyk von Liedehrlich.

August: Spilwut und das sorbische Ensemble Schleife sind Gäste in Strakonice.

Herbst: Quedlinburg. Verbot von Jens-Paul Wollenbergs Gruppe Quitlinga. Neuformierung als Münzenberger Gevattern-Kombo. 

1982

Januar: Leipzig. 3. Folkwerkstatt, mittlerweile veranstaltet vom Zentralhaus für Kulturarbeit.

Neues von Notentritt (Lieder der 48er Revolution), Horch (E-verstärkte Renaissancemusik), Arbeiterfolk (Arbeitervolkslieder), Sprjewjan (sorbisch) und Landleute (mecklenburgisches Brauchtum).

Zentrale Aktion: Einstudierung des Singspiels „Die Boten des Todes“ von Jürgen B. Wolff/Dieter Beckert/Erik Kross nach dem gleichnamigen  Grimm-Märchen mit über 60 Mitwirkenden. Ko-Regie: Hans-Eckard Wenzel. Generalprobe muß unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfinden, Premiere wird untersagt.

April: Leipzig. Erste Werkstatt für Mitmachtanzgruppen und Tanzpädagogen.

Mai: Berlin. Konstituierung der seit 1977 versprochenen Zentralen Arbeitsgemeinschaft (ZAG) „Musikfolklore“ durch Kulturminister Hoffmann.

Mai: Berlin. Premiere der „Hammer-Rehwü“ mit Karls Enkel, Beckert & Schulz und Wacholder. Begeisterte Presse in Berlin – nach der Vorstellung in Cottbus Entzug der „Profipappe“ für Wacholder. Auf  Intervention aus dem FDJ-Zentralrat Rücknahme der Maßnahme.

Juni: Berlin. Letztes Folkfest im HdjT, FDJ kündigt Trägerschaft auf.

Juli: Bezirk Neubrandenburg."Arbeiterfestspiele" mit mecklenburgischem Volksfest.

August: Plauen. Schließung des „Club Malzhaus“ durch die Sicherheitsorgane wegen „geplanter Baumaßnahmen“.

Mehrwöchiges Abschiednehmen etlicher Folkbands von einem legendären Veranstlatungsort. Einige der Gruppen verfassen sogenannte Malzhaus-(Protest)-Lieder.

„Folkhochzeit“ zwischen Landluper und der mittlerweile ebenfalls verbotenen Münzen-berger Gevattern-Kombo.

1983

Januar: Leipzig. 4. Folkwerkstatt. Deutliche Differenzierung in Repertoire und Programmgestaltung.

Wacholder: Heine-Programm,

Notentritt: Fallersleben-Programm,

Liedehrlich: Vertonung zeitgenössischer DDR-Lyrik.

Werkstattpremiere von Folkländers   Bierfiedler.

Spektakulärer Workshop „Neue politische Volkslieder“ am Beispiel der oben erwähnten

„Malzhauslieder“.Parallel zur Werkstatt: 3. Volkstanz-Lehrgang mit Teilnehmern aus fast allen Bezirken.

Juli: Schmalkalden. 2. Folklorefestival der DDR.

August: Windbeutel beim Internationalen Dudelsack-Festival Strakonice.

August: Berlin. 1. FDJ-Liedersommer in der Parkaue Lichtenberg. 3 Tage Open Air mit Folk, Rock u. a.

1984

Januar: Leipzig. Gründung des Folkklubs Leipzig (erster in der DDR). Später folgen Berlin, Hoyerswerda. Gleichzeitig Eröffnung der Leipziger Volkstanzschule. Fortan unregelmäßiges Erscheinen der "Leipziger Folksblätter".

Januar: Leipzig. 5. und letzte Folkwerkstatt in Leipzig. Vorgestellte Projekte: "Notentritts Nachtprogramm" mit folkloristisch angehauchten Kabarettchansons, "Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben" von Folkländers Bierfiedler mit alten und neugeschöpften Liebes-     liedern, folkinspirierte Kammermusik von "heureka".

Die Auflage des Heftes „Zeitkritische Lieder Hofmanns von Fallersleben“ aus der „Kleinen Reihe deutsche Volkslieder“ wird wegen „Unausgewogenheit“ beschlagnahmt.

Juni: Rudolstadt. 1. Rudolstädter Folkloretour. Musiker von Brummtopf, Saitensprung, Lumich, Folkländer, dazu Zauberer und Kunsthandwerker tingeln auf  2 Pferdewagen eine Woche lang über thüringische Dörfer.

Sommer. Internationales Dudelsack-Symposium in Slepo (Schleife).

1985

Auftrittsverbot für Stephan Krawczyk. Tritt fürderhin nur noch in Kirchen auf. Programme: „Steinschlag“, „Pässe, Parolen“.

Januar: Ilmenau. Zentrale Folklorewerkstatt, aus innenpolitischen Gründen erstmalig außerhalb von Leipzig. Die Veranstaltung wird von etablierten Folkbands boykottiert.

März: Leipzig. 5. Internationales Bach-Fest, u.a. mit den Thüringer Hirtenbläsern und Folkländers Bierfiedler.

Juni: Schwerin. 2. Mecklenburgisches Folklorefestival am Rande der 825-Jahrfeier.

Juli: Rudolstadt. Beim 15. Tanzfest der DDR ist Mitmachtanz erstmals ein offizieller Programmpunkt, bestritten von JAMS-Tanzhaus, Folkländers Bierfiedler und Kreuz & Square sowie Saitensprungs Tanzband und Wechselhupf.

1986

Januar: Penzlin bei Neustrelitz (berüchtigt durch diverse Hexenprozesse im Mittelalter). Austragungsort der 2. zentralen Folklorewerkstatt außerhalb Leipzigs. Von 120 existierenden Gruppen werden nur 6 eingeladen, "um intensiver arbeiten zu können."

Mai: Leipzig. Erstes internationales Tanzhausfest, veranstaltet vom Folkklub Leipzig mit Bands aus Erfurt, Berlin und Leipzig. Stargast: Die Oyster Band aus England.

Juni: 2. Rudolstädter Folkloretour.

Juli : Bezirk Magdeburg. Arbeiterfestspiele mit Folklorefestival in Wernigerode.

Platten

 

 

1980           Frisch auf ins weite Feld

[Sampler mit Rundfunkaufnahmen von Folkländer, Piatkowski&Rieck, Folkloregruppe EOS Neuhaus, Wacholder, Gruppe Plus] AMIGA 845 189

 

1980           Plattdütsch gistern un hüt

[2LP-Sampler, darauf 3 Titel von Piatkowski&Rieck] Litera 865 282/283

 

1980           Ein Kessel Rotes

[Sampler mit Oktoberklub, Karls Enkel, Gerhard Schöne sowie 4 Titeln von Wacholder] AMIGA 845 193

 

1982            Folkländer: Wenn man fragt, wer hat´s getan...

AMIGA 845 219; Neuauflage als CD mit 7 Bonus-Tracks: R·U·M·Records LZ 2192 (1996)

 

1982            Liedehrlich.

AMIGA 845 258

 

1983           Piatkowski & Rieck: Plattdeutsche Lieder.

AMIGA 845 242

 

1983            Wacholder: Herr Wirt, so lösche uns´re Brände.

AMIGA 845 267

 

1985           JAMS/Folkländers Bierfiedler: Folk´s Tanz-Haus.

AMIGA 845 289

 

1986           Horch: Der Lautenschläger.

AMIGA 845 314

 

1987           Piatkowski & Rieck: Utkiek. Plattdeutsche Lieder.

AMIGA 845 328

 

1988           Was woll´n wir auf den Abend tun

[Sampler mit Rundfunkaufnahmen von Landleute, Aniqua, Tonkrug, Landluper, Windbeutel, Hofgesindt, Kantholz, Zugvögel, Deutsche Dudelsackrunde (D.D.R.)]

AMIGA 845 345

 

1988           Shakespeare – Romeo und Julia

[Hörspiel mit Musik von Horch]

Schola 875 142

 

1989           Es geht ein dunkle Wolk herein

[Sampler mit Aufnahmen von Horch, Kantholz, Tonkrug, Hofgesindt]

AMIGA 845 360

 

1989           Horch; Maria durch ein Dornwald ging. Weihnachtslieder.      

AMIGA 845 363

 

1989           Wacholder; Es ist an der Zeit. Die schönsten Folkballaden

AMIGA 845 369

Literatur

 

 

Autorenkollektiv (Hrsg. Lutz Kirchenwitz): Lieder und Leute. Die Singebewegung der FDJ. Verlag Neues Leben Berlin 1982, 368 S.

2 Abschnitte zur Folkszene im allgemeinen (Bernd „Cäsar“ Langnickel) und über den Singeklub der EOS Neuhaus im besonderen (Winfried Stanislau).

 

Elvira Heising/Sigrid Römer: Der Tanz im „künstlerischen Volksschaffen“ der DDR. Amateurbühnentanz – Volkstanz zum Mitmachen. Dt. Bundesverband Tanz e.V. Remscheid 1994 (Inform. Z. Tanz, H. 21), 155 S.

Ausführliches zur Entwicklung der Folkszene und des Mitmach-Volkstanzes. Zeittafel.

 

Lutz Kirchenwitz: Folk, Chanson und Liedermacher in der DDR. Chronisten, Kritiker, Kaisergeburtstagssänger. Dietz Verlag Berlin 1993, 190 S.

Darstellung kulturpolitischer Rahmenbedingungen und Wechselbeziehungen, bspw. zu Singebewegung und Liedermachern. Lexikon bekannter Interpreten mit Diskografie.

 

Wolfgang Leyn: Junge Leute machen Volksmusik. In: Schlagermagazin 1983. Lied der Zeit Berlin.

 

Derselbe: Folkklub Leipzig (Interview mit Ulrich Doberenz). In: Pop Musikmagazin 1986, Lied der Zeit Berlin.

 

Wolf  Möckern: Dudelsäcke ohne Whisky und Schottenrock. In: Pop Musikmagazin 1986, Lied der Zeit.

 

Reinhard „Pfeffi“ Ständer: Liedermacher und Folk in der DDR. Von Anfang bis (W)Ende. In: Folk-Michel 5/91, 6/91, 1/92, Kosemund-Verlag  Bonn.

 

Florian Steinbiß: Deutsch-Folk: Auf der Suche nach der verlorenen Tradition. Fischer Taschenbuch Verlag 1984, 151 S.

Darin ein Kapitel „Wie das Volk zum Folk kam – Folklore und Volkslied in der DDR.“

 

Horst Traut: Wir bauen all an einem Turm. Volkslieder von gestern und heute. Bund-Verlag Köln 1995, 228 S.

 

Liederbuch der „Deutschfolk-Szene in der DDR“ mit längerem Vorwort über die Entwicklung der Folkszene, Bibliografie der Liederhefte der Gruppen.

Die frühen Jahre:

 

 

das fängt 1976 an und endet spätestens 1986, eigentlich schon 82/83.

Ich habe ein Lied an den Anfang gestellt, das sehr populär war und von vielen Gruppen gesunden wurde, oft mit eigenen Strophen. Es gab unterschiedliche Fassungen davon und gehörte zu den Hits der üblichen Sessions mit Publikum im Anschluss an die Konzerte in Jugend- und Studentenklubs. Einerseits war es ideal zum Mitsingen, mit fast beliebig vielen Strophen, andererseits konnte man damit dezent und unangreifbar wider den Stachel löcken.  Die Fassung der Gruppe „Wacholder“ verküpft zwei Varianten – eine unpolitische, die einfach nur die Wanderung der Handwerksgesellen quer durch Städte und Landschaften Deutschlands und Europas nachzeichnet, und eine politische von 1871, die unterschwellig die Verbundenheit mit der Pariser Commune zum Ausdruck bringt.

Unser Handwerk, das ist verdorben

Lustig, lustig, ihr lieben Brüder,

leget eure Arbeit nieder und trinkt ein Glas Champagnerwein.

 

Auf die Gesundheit, ihr lieben Brüder,

die da reisen auf und nieder.

Ja, das soll unsre Freude sein.

 

            Denn unser Handwerk, das ist verdorben.

            Die besten Saufbrüder sind gestorben.

            Es lebet keiner mehr als ich und du.

 

Und sollte wirklich noch einer leben,

so soll der Meister ihm den Abschied geben,

denn er macht ihm das Leben sauer.

 

In Lübeck hab ich es angefangen.

Nach Hamburg stand dann mein Verlangen.

Das schöne Bremen hab ich längst gesehn.

 

            Denn unser Handwerk...

 

Schifflein, Schifflein, tu dich schwenken,

tu dich hin nach Riga lenken,

wohl nach der russ´schen Seekaufs-Handelsstadt.

 

Von da wolln wir noch eines wagen

und fahren über nach Kopenhagen,

wohl nach der dänischen Residenz.

 

Ja, weg mit Meistern und mit Pfaffen,

Kaiser, König solln sich raffen,

ja weg, wer kommandieren will.

 

Denn wir sind alle freie Leute.

Die ganze Welt gehört uns als Beute.

Ja, also ist es gut und recht.

            Denn unser Handwerk ...

Man beachte: Damals war die Reise nach Kopenhangen, Hamburg, Lübeck, Bremen für einen DDR-Bürger völlig illusorisch, und die Zeile „weg mit Meistern, weg mit Pfaffen“ war auch eine beliebte Art und Weise, etwas deutlich zu machen. Wenn irgend jemand kam und sagte, was singt ihr denn da für Texte, konnte man immer sagen, das steht im „Steinitz“. Der „Steinitz“, das war die Bibel der Folkloristen in der DDR und auch der in Westdeutschland, erschienen beim Akademie-Verlag in der DDR: „Wolfgang Steinitz, Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten“.

Im Oktober 1976 gab es in der DDR zehn Gruppen, aus Greifswald, aus Erfurt, aus Leipzig, aus Karl-Marx-Stadt. Wir waren in Leipzig zur ersten DDR-offenen Folkwerk-statt zusammengekommen. Es hat uns niemand dazu aufgerufen, wir kannten uns von Stadtfesten, und wir meinten, wir sollten zusammenkommen, gemeinsame Konzerte machen, einander vorspielen, uns unterhalten über das Volkslied, was es ist und was es kann und auch über praktische dinge – wo Auftritte, welche Klubs usw.

Jürgen Wolff, der das graphische Gesicht der Folkszene bis heute prägt, unter anderem vom größten deutschen Folkfest in Rudolstadt – nicht zufällig übrigens im Osten -, habe ich 1974 in einem Singeklub kennengelernt. Wir sind 1975 dort raus, die Singebewegung hatte ihren Zenit überschritten, wir wollten etwas anderes machen. Jürgen Wolff also hatte 1974, als die „Sands Family“ aus Nordirland beim Festival des politschen Liedes aufgetreten war, seine Liebe zur irischen Folklore entdeckt, und für ihn stand fest: Wir machen irische Folklore. Das muß damals in der Luft gelegen haben, auch in West-deutschland gab es eine ganze Reihe Gruppen und Solisten, diirische Folklore machten, es gab eine ganze Menge Parallelen. Warum irisch? Es war einmal eine sehr kräftige, deftige Folklore, für uns klang sie exotisch, und es war nicht dieses Feine, Ziselierte, Romantische, man ging dort zur Sache, Thema ein, zwei und drei: die Frauen, das Trinken und die Rebellerei. Es war immer dieses plebejische Element, und das nicht so vom Kopf her wie bei der Singebewegung – wir wollten losmusizieren. Nicht intellektuelle Programme der Weltverbesserung und auch nicht nur „Fun haben“. Und noch heute sagen viele in der Folkszene: Wir haben dort die Leute kennengelernt, mit denen wir uns heute noch gern treffen. Ganz wichtig war auch das eigene Lebensgefühl. Es war ein Stück An-dieser-DDR-etwas-Verändern-Wollen, ihr etwas geben, was ver-lorengegangen zu sein schien, dieses Lebendige, die eigene Musik und auch dieses „Von unten“. Angeblich gab es ja Unten und Oben nicht mehr, aber Anspruch und Wirklichkeit waren Dinge, an denen sich die Folkloristen immer gerieben haben. Man hat Volkslieder genommen, um damit etwas auszusagen, und man hat sie gleichzeitig als Alibi benutzt. Ehe später eigene Lieder gemacht wurden, hat man historische Lieder genommen, die Strophen verändert oder einfach in einen bestimmten Zusammenhang gestellt.

Beispiel: „O König von Preußen, du großer Potentat“, ein oppositionelles Soldatenlied vom Anfang des vorigen Jahrhunderts. Man sang das mit großer Begeisterung und teilte  vorher dem Publikum mit: „Und übrigens, der Jens hat gerade seinen Einberufungsbefehl erhalten.“ Und schon hatte das Lied eine Bedeutung. Die Leute haben sehr genau zugehört. Was nicht im Text stand, haben sie zwischen den Zeilen,  manchmal sogar zwischen den Noten gehört.

Nochmal zu den irischen Anfängen. Bei der Werkstatt im Oktober 1976 waren vier Fünftel internationales Liedgut, davon ein Großteil irisch. Bei der Werksatt im Mai 1977 in Berlin waren schon drei Viertel deutschsprachige Lieder. Das war ein Ergebnis der Diskussionen, die es gegeben hatte, der Frage etwa: Wer soll eigentlich die deutschen Lieder singen,  die Iren vielleicht? So hat man dann also versucht, mit diesem irischen Blick das deutsche Volksliederbe zu durchforsten. Wenn man spätere Aufnahmen hört, so sind sie zu großen Teilen von der Intonation irisch, und sie sind es ganz gewiß mit diesem Blick von unten, diesem rebellischen Blick. Wobei das ein Gefühl war, es war nichts intellektuelles, das wurde es erst später und auch da nur zum Teil.

Ein zweites Ergebnis der Leipziger Werkstatt war die Gründung des Folklore-Initiativkomitees FINK. Da war aus jeder Gruppe einer dabei, und man war bestrebt, Verbindung zu halten, es sollten Werkstätten organisiert werden. Die Werkstätten haben wir uns wahrscheinlich von der Singebewegung abgeguckt, allerdings hatten wir von vornherein keine Beratergruppe, und die FDJ war auch nicht unser Träger. Aber die Gremien wurden auf uns aufmerksam, es gab dann eine Einladung ins DDR-Kuilturministerium, und dort wurde uns erläutert, das sei ja alles ganz gut gedacht, was wir da mit dem FINK wollten, aber so ginge es nicht. In der DDR gebe es für alles Institu tionen, und daran hatten wir uns bitte zu halten. Für die „Volkskunstschaffenden“ gebe es das Zentralhaus für Kulturarbeit in Leipzig mit 13 oder 14 zentralen Arbeitsgemeinschaften, für die Zauberkünstler, die Arbeitervarietés usw., und man wolle dann auch so eine Gruppe gründen für die Folkloristen, weil es ja offensichtlich ein Bedürfnis gebe, aber zuerst sollten wir uns als FINK auflösen. Wir waren damals nicht auf Konfrontation aus, wichtig war uns, es käme so eine Institution in Gang, die die Sache in die Hand nimmt, die Fördermittel kanalisiert usw. Wir haben uns also aufgelöst, und siehe da, schon fünf Jahre später wurde die Zentrale Arbeitsgruppe gegründet.

Nun, die Folkloristen haben nicht so lange gewartet, wir haben zum „Folkländer“-Geburtstag am 13. Januar Leute eingeladen, mit denen wir gern musizieren wollten, und so gab es 1980 die nach neuer Zählung erste offizielle DDR-Werkstatt. Aus den zehn waren bald dreißig, vierzig und zu Hoch-Zeiten hundert Gruppen geworden. Bei der ersten Werkstatt wurden unter anderem mittelalterliche Balladen vorgestellt. Man hatte angefangen, in den Archiven zu graben, und Jürgen Wolff von den gastgebenden „Folkländern“ hatte die „Ballade vom Grafen und der Nonne“ gefunden, eine sozialkritische Geschichte – unten und oben –, die es in ganz verschiedenen Varianten gab. Die Gruppen konnten sich eine aussuchen und die vorstellen. Das wurde verglichen, und darüber wurde diskutiert. Gleichzeitig gab es auf dieser ersten Werkstatt in Leipzig eine ganz neue, spannende Sache: Mn begann über Volkstanz nachzudenken, zum Mitmachen, nicht nur auf der Bühne, wie das bisher üblich war. Die Gruppe „Folkländer“ hat also eine Tanzgruppe gegründet, „Kreuz & Square“ hieß sie, eine Choreographiestudentin, deren Bruder irgendwo in der Folkszene war, wurde hinzugezogen, und die hat das bei den Volkstanzveranstaltungen, die von da ab losgingen, erklärt und mit zwei, drei Paaren vorgemacht.

Im Januar 1981 gab es eine weitere Neuerung: Es wurde eine Folk-Big-Band gegründet. Das hat es weder vorher noch nachher gegeben, es war ein Gaudi auf höherem Niveau, weil da auch ein Fachmann am Werke war, ein Kompositionsstudent, der eine Volkstanz-suite zusammengestellt hatte. Die wurde mit den Musikern richtig nach Noten geprobt. Dann gab es die große Aufführung, geleitet vom Folkmusikdirektor Erik Kross, der im Bademantel dirigierte, auf einem Bierkasten stehend. Es wurde ein riesiger Erfolg.

 

Gaudi war immer dabei, ein bisschen rebellisch war es, wie gesagt, auch. Also 1981, da enden fast schon die frühen Jahre. Es gab inzwischen eine ganze Menge Folkfestivals, es gab in Berlin seit 1978, im Haus der jungen Talente, unter Geburtshilfe des FDJ-

 

Singezentrums, das Folkfest, insgesamt fünfmal. Beim sechsten Mal, 1983, wurde uns bedeutet, solch ein Festival könne nicht stattfinden. Die Begründung war eigentlich nicht einsehbar, aber im nachhinein sieht man zeitliche Übereinstimmungen, die darauf hin-deuten, dass es keine vereinzelte Aktion war. 1980 hatte es ein Folksfest in Friedrichswalde, einem ganz kleinen Dorf, gegeben. Und 1981 sollte das in größerer Neuauflage wieder stattfinden, mit Gerhard Schöne, mit Schauspielern und

 

Pantomimengruppe vom Deutschen Theater mit den Folkbands, die damals angesagt waren; es war ganz gut vorbereitet, nur es waren,  wie es hieß, zuwenig Toilettenwagen organisiert worden. Die Sache durfte also nicht stattfinden.

Im Jahre 1982 wurde in Plauen einer der legendären Veranstaltungsorte, das Malzhaus, aus baupolizeilichen Gründen, wie es offiziell hieß, geschlossen. Weil es ein „Treffpunkt feindlich-negativer, feindlich-dekadenter Jugendlicher“ war, so stand es in diversen Akten, die später zugänglich wurden. Im Jahre 1982 sollte es in Leipzig bei der Folkwerkstatt eine Folkoper, eigentlich ein Singspiel, aufgeführt werden. Der Text war von Dieter Beckert zusammen mit Jürgen Wolff verfasst worden, Erik Kross hatte die Musik geschrieben und arrangiert, und Hans-Eckardt Wenzel die Koregie geführt.

Diese Folkoper „Die Boten des Todes“ nach den Gebrüder Grimm durfte nicht einmal eine Werkstattaufführung erleben. Es gab eine Generalprobe, und danach wurde das Stück von den Veranstaltern, dem Zentralhaus für Kulturarbeit, und diversen, in großer Zahl angereisten Menschen in Anzügen, die auch schon etwas älter waren, von der SED-Stadtleitung und und und.... wegen „künstlerischer Unausgereiftheit“ abgesetzt. Heute weiß ich, es gab hier eine abgestimmte Politik. Nichtsdestotrotz gilt, was schon gesagt wurde: Eine ganzeinheitliche Kulturpolitik gab es in der DDR, zumindest in den späten 70ern und frühen 80er Jahren, nicht.

 

Die Folkloristen haben in diesem Umfeld gelebt,  sie haben mit einer gewissen Cleverness eine Nische besetzt, sie haben immer gespürt, wie weit man gehen kann oder wo vielleicht Grenzen sind. Das folgende Lied war meines Wissens nur im Repertoire von „Liedehrlich“ aus Gera, obwohl auch andere Gruppen gern Fallersleben-Lieder gesungen haben. „Notentritt“ aus Halle hat sogar 1983 ein ganzes Fallersleben-Programm aufgeführt. Wie empfindlich die Behörden zuweilen auf die verdeckte Kritik an DDR-Verhältnissen mit Hilfe historischer Lieder reagierten, zeigt das Auftrittsverbot für „Liedehrlich“ beim Erfurter Krämerbrückenfest 1979 wegen dieses Liedes.

 

Der deutsche Philister

Text: August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

 

Der deutsche Philister, der bleibet ein Mann,

auf den die Regierung vertrauen noch kann,

der passet zu ihren Beglückungsideen,

der lässt mit sich alles gutwillig geschehen.

 

Was schön und erhaben, was war ist und recht,

das kann er nicht leiden, das findet er schlecht.

So ganz wie er selbst ist, so kläglich, so gemein,

hausbacken und ledern soll alles auch sein.

 

Befohlenermaßen ist stets er bereit,

zu stören, zu hemmen, den Fortschritt der Zeit.

Zu hassen ein jegliches freies Gemüt

und alles, was lebet, was grünet und blüht.

So lang der Philister regieret das Land.

Bleibt jeglicher Fortschritt daraus wie verband.

Denn dieses erbärmliche, feige Geschlecht,

das kennt nicht die Ehre, Tugend und Recht.

Du Sklav der Gewohnheit, du Knecht der Gewalt,

ei käme dein Henker, ei köäm er doch bald!

Du deutscher Philister, du grässlichste Qual,

o holte der Teufel, dich endlich einmal.

 

Sprich, deutsche Geschichte, bericht es der Welt:

Wer war doch dein größter, berühmtester Held?

Der deutsche Philister, der deutscheste Mann,

der alles verderbt, was man Gutes begann.

Das war also eine Konstante der Bewegung: alte Lieder mit aktuellem Bezug. Ein paar Leute sind weitergegangen. Stephan Krawczyk hat irgendwann gesagt, es reicht mir nicht mehr, hat eigene Lieder gemacht, zunächst nach Texten von Andreas Reimann; ich halte sie für seine künstlerisch reifsten aus dieser Zeit. Das ist die Zeit, wo er noch daran glaubte, dass die DDR formierbar sei. Später hat er ganz eigene Lieder gemacht, und er hat 1981 mit einem Soloprogramm, noch begleitet durch seine Musikerkollegen von „Liedehrlich“, in Frankfurt an der Oder den Hauptpreis der DDR-Chansontage gewonnen. Drei Jahre später dann das Auftrittsverbot, was hieß: Auftritte nur noch in Kirchen und 1988 nach kurzem Gefängnisaufenthalt die Ausbürgerung. Das war, wie gesagt, die eine Richtung, und es hat eigentlich niemanden gegeben, der das so konsequent mit vollzogen hätte. Andere Gruppen haben sich so ab 1982/83 auf den Volkstanz konzentriert, die Geselligkeit, das Miteinander, aber die Lieder kamen damit natürlich etwas unter die Räder. Wieder andere haben geschlossene Konzeptprogramme gemacht wie „Wacholder“ mit einem Liedprogramm zur 48er Revolution oder einem Programm mit Heine-Texten – Koregie Hans-Eckardt Wenzel. Noch andere haben Kabarettistisches mit Volksliedern und ähnlichem gemacht, die Gruppe „Notentritt“ aus Halle z.B. Dann gab es noch Seiteneinsteiger wie Jens-Paul Wollenberg, ein Mann, der immer eigene Lieder gemacht hat, der bei allen Folk-Werkstätten dabei war mit ständig verbotenen Gruppen. Die haben ein halbes Jahr existiert, dann hat man gesagt: Also, solche Lieder und wie ihr da auf der Bühne rumturnt... Er kam aus Quedlinburg, einer Kleinstadt im Harz, und da ging noch viel weniger als in Leipzig oder Berlin. Er formierte immer neue Gruppen bis wieder das Verbot kam. Er hatte in den „Boten des Todes“ den Tod gespielt - ein Naturtalent als Schauspieler, der immer sich selbst spielt.

Er macht heute noch Musik, wie ich überhaupt sagen muß, so richtig verklungen sind diese Lieder aus einem verschwundenen Land nicht. Gerade an diesem Wochenende findet in Marseille die WOMEX statt, dass ist die internationale World Music Angebots-messe, und auf der CD, die dort vorgestellt wird, sind 4 Bands aus Ostdeutschland, zwei neue – „Das blaue Einhorn“ aus Dresden und „Schlüsselbund“ aus Neustrelitz – und zwei alte – „Aufwind“ mit Klezmermusik aus Berlin und „Bierfiedler“ aus Leipzig.

Es gibt also nach wie vor eine Szene, oder besser: es gibt nach wie vor Bands.

Das Ende der DDR wurde durch das Ende der Folkszene vorgenommen. Es gab die Leipziger Folk-Werkstätten bis 1984, danach haben die Veranstalter vom Zentralhaus für Kulturarbeit die Zentrale Folkwerkstatt in sogenannte sichere Regionen, weg aus der Dissidenten- und Studentenstadt Leipzig, in die thüringische Kleinstadt Ilmenau und später dann alternierend nach Mecklenburg verlegt. Dort wähnte man sich sicher, und da sind dann die Folkloristen der ersten Stunde gar nicht mehr hingefahren. Es kamen nur die neueren, die auch keinen irischen Touch mehr hatten. Wenn man „Antiqua“ aus Potsdam hört, dann ist da ganz wenig irisches. Die machen alte Musik auf eine ganz andere, sehr lebendige Weise.

Die Folkszene hat nicht nur vergessene Lieder ausgegraben, sondern auch alte Instrumente. Wenn die Singebewegung als typisches Instrument die Gitarre hatte, die Flöte, später das Keyboard, das Akkordeon, die Geige, so hatte die Folkszene das Bandoneon, die Waldzither, die sehr gut zum Banjo passte, die irische Tin-whistle, den Bodhrán, eine irische Handtrommel. Man hat sich also in vielem abgehoben von dem, was Volkslied vorher offiziell in der DDR war.

Zum Schluß vielleicht noch ein Satz von Jürgen Wolff, der das Folk-Revival in der DDR so charakterisierte: „Es war irgendwie eine Insel in der allgemeinen Tristesse, und es war ein Stück anderes Lebensgefühl.“ Ich denke, es ist auch heute ganz angebracht, dieses andere Lebensgefühl lebendig zu halten.

 

Wolfgang Leyn